Der Mythos lebt

Es gibt Menschen, die ihre Träume in die Tat umsetzen. Dazu zählen der Agenturchef Tobias Aichele und der Tabakfachhändler Siegfried Schäuble. Beide verbindet die Leidenschaft für schöne Autos und guten Tabak. Ein Traum wurde Wirklichkeit und aus der gemeinsamen Passion ist mit der "Mythos Solitude" nun eine eigene Premium-Zigarre entstanden.

Juli 1964: Auf der Stuttgarter Solitude-Rennstrecke ereignet sich in der Linkskurve am "Frauenkreuz" eine Karambolage, in die fünf Formel 1-Fahrzeuge verwickelt sind. Der Rennwagen von Jack Brabham wird gegen einen Telefonmasten geschleudert, der das Getriebe abreißt. Brabham hat Glück und kommt mit leichten Blessuren davon. Doch das Rennen war der letzte Formel 1-Lauf auf der Solitude, ein Jahr später wird der Rundkurs geschlossen. Fortan wird die Solitude ihrem Namen in der deutschen Übersetzung gerecht: Einsamkeit.

Oktober 1999: Auf dem Nürburgring findet die "Eifel Klassik", ein legendärer Oldtimer-Grand Prix, statt. Nach einigen Runden hat sich ein silberner Veritas RS von 1948 nach vorne gekämpft und startet einen massiven Angriff auf die Spitze des Feldes. Am Steuer sitzt der Agenturchef Tobias Aichele, der vor allem durch seine Porsche-Bücher bekannt wurde. Sein Beifahrer ist Siegfried Schäuble, Inhaber des Tabakgeschäftes "Tabacum". Die Chancen für einen Sieg stehen gut, da passiert es - ein Schlag und der Rennwagen der beiden Stuttgarter bleibt mit Kardanwellenschaden liegen. Und während nun die anderen Teilnehmer an ihnen vorbeiziehen, müssen sie sich in Geduld üben; vor Ende des Rennens wird kein Abschleppwagen den defekten Oldtimer vom Grünstreifen ziehen. An eine Leitplanke gelehnt, verfolgen sie stumm den Fortgang des Grand Prix. Tobias Aichele bricht das Schweigen als erster: "Jetzt hätte ich Lust auf eine Zigarre!" Statt einer Antwort tastet sich Siegfried Schäuble fieberhaft-suchend ab und fördert tatsächlich ein Zigarrenröhrchen zutage! Plötzlich ist alles anders. Der gemeinsam gerauchte Longfiller macht den Motorschaden und das Warten in der Kälte zur Nebensache. Würziger Zigarrenduft verdrängt den Benzingeruch, die Karosserie des Veritas glänzt in der Nachmittagssonne und Tobias Aichele bringt es auf den Punkt: "Wir haben einen traumhaft schönen Wagen und rauchen Zigarre - was sind wir doch für glückliche Menschen!" War das schon die Initialzündung für den "Mythos Solitude"-Longfiller?

November 2000: Aichele hat sich inzwischen mit seiner zweiten Agentur, "Mythos Solitude Events", auf besondere Veranstaltungen spezialisiert. Er ist fasziniert von Stuttgarts ehemaliger Rennstrecke, auf der 62 Jahre lang viele berühmte Rennfahrer ihre Boliden und Motorräder in rasanter Fahrt bewegten. Um an diese Ära zu erinnern, dokumentiert er als Autor die Rennsportgeschichte immer wieder in Büchern, schreibt Biographien, sammelt Anekdoten und Fotografien wie andere Menschen Briefmarken. Auf Veranstaltungen interviewt er Zeitzeugen und schart immer wieder ehemalige Rennfahrer um sich: Hans Herrmann, Herbert Linge, Paul Ernst Strähle, Paul Pietsch, Eberhard Mahle, Walter Schock und Erwin Aldinger. Immer öfter kommt es dabei zur Begegnung von "handgefertigten Automobilen" mit "handgerollten Zigarren". Bereits zum Abschluss der Oltimer-Rallye "Württembergische Classic" überreichte Tobias Aichele jedem Teilnehmer eine Biografie des Rennbarons Huschke von Hanstein; derweil Siegfried Schäuble karibische Longfiller an Fahrer und Beifahrer verteilte. Auf der Eröffnungsparty des Stuttgarter In-Lokals "Rubirosa" (Porfirio Rubirosa war dominikanischer Diplomat, Playboy und Rennfahrer) treffen sich die beiden wieder. Hier schließen Schäuble und Aichele einen Kooperationsvertrag für die Herstellung ihrer Zigarre. Sie sollte qualitativ hochwertig, doch bezahlbar sein, ein würziges Aroma haben und mit jedem Zug an Stuttgarts ehemalige Rennstrecke erinnern. Ihr Name: "Mythos Solitude". Eine geeignete Manufaktur hatte der Tabakhändler schon vorher ausfindig gemacht: So war ihm die bemerkenswerte Qualität der Marke "Flor Real" aufgefallen, einer Premium-Zigarre von Daniel Pintor aus Costa Rica. Es folgten intensive Gespräche mit dem Alleinimporteur für Deutschland, Kurt-Joachim Brandt. Der Inhaber von "ITC cigars and more" rundet das positive Bild ab. Pintor ist kein Massenproduzent, sondern eine mittelständische Manufaktur mit entsprechender Flexibilität. Noch wichtiger ist Pintors Bereitschaft, sich für diese besondere Edition zu engagieren.

Im Januar 2001 sind Tobias Aichele und Siegfried Schäuble mit Kurt-Joachim Brandt nach Costa Rica gereist, um ihre Vision der "Mythos Solitude" zu realisieren. Die Zigarrenmanufaktur von Daniel Pintor befindet sich in San José, der Hauptstadt Costa Ricas. Gegründet wurde das Unternehmen allerdings in Nicaragua. Pintor zog nach einigen Jahren wieder in das heimatliche San José um.

Als Tobias Aichele und Siegfried Schäuble ihr Anliegen mit Daniel Pintor besprechen, kann sich der erfahrene Zigarrenfachmann für ihre Idee begeistern. Zusammen tüfteln sie ein neues Format aus, erläutern ihre Vorstellungen und erarbeiten akribisch die Grundstruktur des Longfillers.

März 2001: Nach etlichen, degustierten Prototypen der vergangenen Wochen ist die Zigarre gefunden, die das "Mythos Solitude"-Logo tragen darf. Mit dem Start- und Ziel-Häuschen der Solitude-Rennstrecke ist die cremefarbene Bauchbinde gerade durch ihr Understatement einprägsam.

Zwanzig Handgerollte fasst das schlichte Zedernholzkistchen mit den abgerundeten Ecken. Als Beleg, dass die Zigarrenkiste eine Qualitätskontrolle durchlaufen hat, ist jeder Schatulle ein Informationsblatt mit dem Namen des verantwortlichen Zigarrenrollers und der Unterschrift des Sortierers beigelegt. Ebenmäßig sind die kaffeebraunen Longfiller, die mit ihrem Format (Länge 6"/152mm, Ringmaß 46/18,3 mm) etwas größer als eine Corona sind. Die costaricanische Handgerollte besteht im Filler und Umblatt aus fünf verschiedenen Tabaken des Anbaugebietes von Estéli (Nicaragua), aus dem auch das Havanna-Samen-Deckblatt stammt. Damit ist sie eine 100%ige Nicaragua-Zigarre. Ihre Präsentation auf der Stuttgarter Oldtimermesse "Retro Classica" ist schließlich ein voller Erfolg. Neben allen prominenten Besuchern bleibt die Zigarre mit der schlichten Bauchbinde der eigentliche Hauptdarsteller. Aus einer Vision, die einst zwei Menschen auf einer Rennstrecke hatten, ist die "Mythos Solitude" geworden.

Auszug aus European Cigar Cult Journal 02/ 2001:
"Der Mythos lebt" von Elmar Schalk